Wer bin ich?

Ich stelle mir diese Frage immer wieder einmal. Identität zu finden war und ist ein zentrales Anliegen.

Ich kam im Sommer 1968 in Zürich zur Welt. Bereits mit 11 Jahren wurden mir Psychopharmaka verschrieben und mit 13 Jahren ging dies fliessend in Drogenmissbrauch über.
Ich lernte früh, wie ich meine Gefühle mit Substanzen verändern konnte. Das Leben meisterte ich mehr schlecht als recht, brach das Gymnasium ab, eine Berufslehre, erneut das Gymnasium, bis ich schliesslich in Zürich auf dem Platzspitz und Letten landete.
Danach folgten Aufenthalte im Gefängnis, in Entzugsstationen - mehr als 20 Mal war ich in der Psychiatrie - und letztlich auch drei abgeschlossene Sucht-Langzeittherapien.
Nichts brachte den erhofften "Erfolg", immer wieder begann ich mit den Drogen.
Das dahinterliegende Leid, die erlittenen Traumas konnten so natürlich gar nie richtig angeschaut und "behandelt" werden.
Erst seit 2010 gelingt es mir dank dem Besuch von Selbsthilfegruppen den Teufelskreis zu durchbrechen.
Ich lernte Stück für Stück die verpassten Lektionen des Lebens, dank Beharrlichkeit und Bereitschaft, aber auch durch die Hilfe anderer. Es ist nicht möglich, dies alleine zu schaffen!

Seit 2014 arbeite ich als Peer. Besuchte die entsprechende Ausbildung und besuchte Kurse an der Berner Fachhochschule.

Meine Psychiatrie-Geschichte brachte verschiedene Diagnosen hervor:

Einerseits Bipolarität (Manisch-Depressiv), andererseits Persönlichkeits-Störungen (je nachdem, wer die Diagnose stellte) oder Traumas und letztlich verstehe ich es so, dass ich schlicht schon sehr früh begann, meine Probleme und Gefühle statt anzunehmen und zu lösen, einfach „wegzuballern“, also Flucht und Vermeidung.

Ich habe also viele Dinge einfach nicht gelernt, bzw. „falsch“ erlernt.

Dies änderte sich erstmals 2003, als ich Selbsthilfegruppen zu besuchen begann, was allerdings nur 1 Jahr funktionierte. Dann machte ich noch eine „Ehrenrunde“ von 5 ½ Jahren, bevor ich endgültig merkte, dass sich nun etwas ändern musste: Ich musste mich ändern.

Also besuche ich seit 2010 wieder die Selbsthilfegruppen und habe seitdem viele Dinge neu gelernt. Z.B. anderen zuhören und von ihren gemachten Erfahrungen profitieren, damit ich entweder ihre Fehler nicht auch noch machen muss oder aber sehe, wie es funktionieren könnte, wenn ich es auch so mache wie sie.

Mein Leben wurde seither deutlich besser und ich kann mit den Dingen, die so anstehen, „gesund“ umgehen, d.h. gute Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und lösungsorientiert handeln.

Auch erlernte ich mit meinen „Schwankungen“ gut umzugehen und früh zu erkennen, wann eine „Intervention“ (Handlung) nun angezeigt ist. Oft gelingt es mir so, dass ich neue Krisen vermeiden kann.

Zumindest aber weiss ich, dass es zwar gerade schwierig ist, ich aber auch wieder aus dem Loch herauskommen werde (Nicht aufgeben, Hoffnung aufrecht erhalten).

Dazu brauche ich andere Menschen und deshalb pflege ich heute Beziehungen mit Menschen, die mir gut tun.

 

Ich spiele Tennis, Tischtennis und fahre ein Bike. Zudem gehe ich gerne auf Reisen, in die Berge oder ans Meer. Ich besuchte in den letzten Jahren viele Länder, wo ich v.a. den Kontakt zu Menschen suche, probiere deren Kultur kennenzulernen . Ich erweitere so ganz langsam und kontinuierlich meinen Horizont. 

Ich höre gerne Musik und besuche Konzerte. Oder aber ich treffe Freunde und wir grillieren oder spassen zusammen. 

Ein weiteres wichtiges Instrument ist die Meditation: Bereits mehrere 10-Tages-Kurse und tägliche Praxis begleiten mich seit Jahren.

Ich kann meine Rechnungen bezahlen und meine Angelegenheiten regeln. Dies war absolut undenkbar und ich hätte dies nicht für möglich gehalten.

Irgendwann kam dann die Peer-Arbeit in mein Leben, ich bildete mich weiter und bin heute ein „Experte aus Erfahrung“, der diese Erfahrung gerne zur Verfügung stellt, damit Betroffene für sich ihren Weg finden können, damit wieder mehr Lebensqualität in ihr Dasein kommt und sie erkennen, dass es niemals zu spät ist, um glücklich zu sein. 

Dies ist manchmal ein beschwerlicher Weg und bedeutet Arbeit. Doch all dies lohnt sich! Wirklich!

2014 - 2018: Stadt Luzern, SIP, Sicherheit, Intervention, Prävention. Aufsuchende Sozialarbeit auf der Strasse

2017 - heute: Psychiatrie Baselland PBL, Peer-Berater in den neu geschaffenen Stellen, Projekt- und Pionierphase mit Konzepten, Stellenprofilen und Partizipation an Informationsanlässen, Workshops und Retraiten bei MitarbeiterInnen und Presse. Teilnahme an Eintritts-, Drehscheiben- und Therapiegesprächen, an Sitzungen, Fallbesprechungen, Weiterbildungen etc.

Projekte zur Implementierung und zur Schaffung von Peer-Stellen bei den Institutionen Rheinleben, Sonnenhalde und Arud.

2018-2019 kurze Tätigkeit im Curaneo, Zürich (ambulante Drogentherapie, Küssnacht Praxis). Wurde geschlossen.

2019 - heute: Universitäre Psychiatrische Dienste Bern UPD, Peer-Mitarbeiter im Wohnverbund Oberburg. Langzeitbegleitung von Nutzenden. Mitglied im Vorstand von Peer+

Aktuell: Kursleiter im Arud sowie in Free-Job-Kursen Stiftung Rheinleben
Dozent am BZG Münchenstein, Pflegeausbildung
Gruppenleiter diverser Gruppen im Bereich Recovery, Sucht und Selbststigmatisierung, u.a. auch im IZ Aarau
Podiumsdiskussionen und/oder Workshops zum Thema eigene Erfahrung in der Behandlung, was funktioniert, was nicht. Empowerment, Hoffnung.
Verfassen zahlreicher Artikel in diversen Medien, u.a. im Suchtmagazin und der Luzerner Gasseziitig.

Bildungshintergrund: Gymnasium und ein KV-Abschluss in der Reisebranche
Besuch vieler Weiterbildungen, Fachtagungen, Vorträgen, Workshops sowie Symposien. U.a. zu Themen wir MI (Motivational Interviewing), Jugendgewalt, Cannabis, Deeskalation, konfrontative Pädagogik, Arbeitsintegration, Forschung (Evidenz).

Fachkurs (CAS) "Leben mit der Sucht" an der Berner Fachhochschule. Trialogisch geführte Weiterbildung